Leseprobe

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IM SCHATTEN DER VERGANGENHEIT
1. Kapitel

«Nein», brannte das Wort heiser durch die Kehle. Zerriss die Stille der Nacht mit brutaler Schärfe und liess den Körper von der Matratze unwillkürlich aufbäumen.

Das Herz schoss in die Höhe, pumpte das Blut durch die Venen – schlug bis in den Hals, sodass es in den Ohren rauschte. Laut. Eindringlich, wie ein Presslufthammer, der im harten Takt hinter dem Brustkorb hämmerte. Gefolgt von einer Hitzewelle, die durch den Körper peitschte. Kleine Schweissperlen bildeten sich auf ihrer Stirn, rannen bei der rechten Schläfe wie ein kleiner Bach hinunter. Über das kalkweisse Gesicht, aus dem jegliche Farbe, jede Wärme geflohen war.

Mit aufgerissenen Augen keuchte Marissa in die Dunkelheit, die kein einziges sanftes Lichtspiel kannte. Nur Schwärze, aus der die Stille der alten Gemäuer sich wie eine schwere Decke der Vergangenheit in das Zimmer gelegt hatte und den Verstand umhüllte, der sich nur widerwillig durch den Nebel des Traums vortastete.

Fuck, war das Einzige, das den Schleier im Kopf durchdrang und endlich ihre Augen erreichte, die blinzelnd die Starre lösten. Hastig wischte der Blick durch die Finsternis, suchend nach dem Anker, der verriet, wo sie war.

Marissa fuhr sich mit dem Handrücken über die nasse Stirn. Presste die andere Hand auf die bebende Brust, die sich stürmisch auf und ab bewegte. Dabei rang sie nach der abgestandenen Luft, die nicht in ihre Lungen reichen wollte. Verdammt – wann hört dieser Scheiss endlich auf?

Ihre Aufmerksamkeit wanderte durch das karge Zimmer, während sich die Sicht nur langsam klärte – bis sie die kleine Lampe auf dem Tisch unter dem Fenster erkannte. Spärlich, kaum der Rede wert, flackerte das Licht Marissa entgegen. Nahm ihr die Finsternis, die sich wie eine Klammer um ihr Herz gelegt hatte. Löste den Druck, der ihren Magen zusammenzog, nachdem sie den goldgelben Schimmer um die Glühbirne erhascht hatte. Bedacht sog sie einen tiefen, nicht enden wollenden Atemzug ein. Der Puls legte sich. Das Herz wurde ruhiger. Nur ihre Gedanken schnitten wie eine scharfe Klinge durch den Schleier.

Verfluchte Scheisse!, taxierte sie die Nacht.

Wütend schlug Marissa die Bettdecke zurück. Sie drängte sich mit knacksenden Knochen ächzend aus dem heruntergekommenen Bett. Stellte sich auf die wackligen Beine, die unter ihr nachgaben. Unsanft fiel sie augenblicklich zurück – auf das Bett, als hätte jemand ihr den Teppich unter den Füssen mit einem Ruck weggezerrt. Ein ziehender Schmerz durchzog ihre Hüfte, schoss in ihre Flanke, als die spitzige Kante des Holzgestells sich in den Knochen bohrte. Ihr Herz setzte aus – nur für einen Schlag –, stolperte, und Marissa drückte noch fester auf ihre linke Brust, als könne sie den Schmerz dahinter zurückdrängen. Scharf sog sie die marode Luft in ihre Lungen. Presste ihre Schulterblätter nach hinten. Der Nacken knackste, wie ein verdorrter Ast, der sich spaltete.

Wann hört das endlich auf? Waaannn!, entnervt stiess Marissa die Luft aus. Fasste sich an ihren dröhnenden Schädel, der sie auch diese Nacht mit einem der vielen quälenden Traumbilder ungefiltert übermannt hatte. Mit Albträumen, die sie jede Nacht heimsuchten. Regelrecht verfolgten, seit sie aus Kalabrien vertrieben wurde.

Wie ein Strassenköter wurde sie davongejagt – von Enrico. Von Santo, als wäre sie der letzte Abschaum, der nicht einmal der Dreck unter seinen Nägeln wert war.

Verschwinde – Du nichtsnutzige Schlampe! Und kehre nie wieder zurück, sonst schlitz ich Dir die Kehle auf, hallte die Drohung von dem Capo wie ein Echo aus ihrem Traum durch ihren Geist. Marissa schüttelte seufzend ihre zerzauste Mähne, ehe sie sich von der harten Fläche erhob und sich mit einem festen Stand aufrichtete, der sie nicht wieder zurückfallen lassen würde.

Wo liegt der Sinn dieser Verbindung, wenn er mich gar nicht will? Nie wollte. Mit mir nur gespielt und mich dann wie Abschaum von diesem Arsch Enrico entfernen lassen hat!

Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. Ihr Blick verengte sich – kritisch, fragend – und glitt zur Decke.

Das fahle Weiss erstreckte sich wie ein Bote über ihrem Kopf. Doch nichts geschah – keine Antwort, die ihre Fragen endlich klären würde. Keine Stimme erhob sich für die Aufklärung, was sie tun sollte. Nur die Stille des Himmels war die Nachricht, die sie erhielt.

«Ihr habt mich im Stich gelassen…genauso wie er!», fauchte Marissas Stimme zähneknirschend in die Höhe – an die Erzengel, die sie seit der Verstossung nicht mehr hörte. Nicht mehr an ihrer Seite wusste, obwohl sie immer und immer wieder zu ihnen sprach. Bei ihnen sogar nach Hilfe flehte, sie von dem dunklen Schatten in ihrem Herzen endlich zu erlösen. Die Verbindung zu Santo zu kappen – den Vertrag, der sie gnadenlos an ihn band, aufzulösen.

Das ergibt alles keinen Sinn! Warum – wie konnte ich ihm nur folgen? Mich in seinen Dienst stellen? Wie blöd kann man eigentlich sein?

Der Kiefer spannte. Die Hände ballten sich. Fest. Bebend, zu Fäusten, die schützend vor ihren Bauch glitten. Du dummes Ding, wie konntest Du Dich nur in dieses impertinente Arschloch verlieben?

Vorwurfsvoll senkte sich ihr Blick auf die hebende Brust – auf den Punkt, der sie bitter daran erinnerte, für wen ihr Herz schlug. Jetzt. Damals. Schon immer, sodass sie ihm sogar auf die Erde gefolgt war, obwohl er sie in all seinen Entscheidungen aussen vorgelassen hatte. Eras. Nun Santo. Der Baron, dem sie für die Rettung von Angelikas Leben ihre Loyalität versprochen hatte.

Klar, wegen Angelika. Für ihr Leben, verhöhnte sie die leise Stimme aus ihrem Hinterkopf, die wie ein Skalpell durch ihre Gedanken schnitt. Als ob Du keinen anderen Weg gefunden hättest, sie zu retten. Du bist einfach zu schwach. Bist Deinem dämlichen Herzen gefolgt, statt rational zu bleiben – abwehrend, so wie du es zuerst getan hast!, bohrte sich die Vernunft tadelnd in ihren Schädel.

Marissas Fokus glitt wie Motten vom Licht angezogen zurück zu der Lampe, die unaufhörlich gegen die Dunkelheit ankämpfte. Flackerte, als würde sie den letzten Atemzug nehmen. Sie verzog ihren Mund, während sie weiter wie angewurzelt vor dem heruntergekommenen Bett stand, während sich ihre Fäuste lösten und die Arme ganz nach unten sanken.

Und warum das alles?, ätzte sich die eine Frage in ihre Gedanken – die Frage, die sie sich endlich zu stellen wagte. Doch ihr Verstand verweigerte die Antwort, als stünde sie selbst wie ein Esel vor dem Berg. Hoffnungslos schüttelte sie ihren Kopf, als das ausdehnende schwarze Loch jeden weiteren Gedanken verschlang. Bis auf einen, der wie eine Kugel noch aus der Schwärze schoss: Fuck off!

 

Die Fusssohle löste sich mühselig von dem Boden, ehe ihre Beine sie wie eine Marionette über die kühlen Platten zogen. Auf die gegenüberliegende Seite der Tür. Zu dem alten Holzschrank, der keinen halben Meter neben ihrem Bett stand und ihre wenigen Habseligkeiten beherbergte, die sie achtlos bei ihrer Ankunft darin deponiert hatte. Vor nicht einmal 24 Stunden, als sie von einer der Ordensdamen des Klosters zu ihrem Zimmer geführt wurde.

Seufzend öffnete Marissa die Schranktür – vorsichtig, langsam, als könnte sie das Quietschen der alten Scharniere verhindern, das sich im hohen Klang an den kahlen Wänden rieb. Ein Frösteln lief ihr über den Rücken, über ihre Haut, die mit dem nachtschweissbenetzten Shirt zusammenklebte. Wie eine zweite Haut, die sie abstreifen wollte.

Zielsicher griff Marissa nach ihrer Tasche, die sie links, auf Augenhöhe auf einem Tablar verstaut hatte – ohne sie auszupacken.

Lieblos zerrte sie die neue Reisetasche vom spröden Holz. Sank mit dieser in die Knie und stellte sie achtsam auf den Boden. Der Reissverschluss glitt reibungslos auf. Offenbarte ihre funktionale Kleidung: Schwarze Jeans. Dunkle Shirts, die sie für allfällige Nacht- und Nebelaktionen der Flucht beinahe unsichtbar machten.

Merk Dir immer eins, mein Kolibri – wenn sie kommen, kommen sie in der Nacht. Wenn Du schläfst. Wenn Du unachtsam bist. Dann, wenn Du Dich am sichersten fühlst. Also, bleibe nie länger als drei Tage an einem Ort, wenn Dich jemand sucht – und vor allem nicht, wenn Du als Vogelfrei erklärt wurdest.

Schwer schluckte Marissa die Worte, die sich mahnend in ihr Ohr gegraben hatten, herunter. Die Sätze, die ihr eingetrichtert wurden, falls sie jemals in eine missliche Situation wie jetzt geraten sollte. Schnell huschte ihr Blick über die Schulter und legte sich prüfend auf die Tür.

Sicher ist sicher, meldete sich bestätigend ihr Verstand, auch wenn sie nicht wusste, ob Santo überhaupt noch ein Auge auf sie hatte. Sie noch weiter unter Beobachtung stand, seit sie einer seiner Schatten in Amsterdam abschütteln konnte.

Kalt lief es Marissa den Nacken herunter. Doch ehe die Erinnerung sich einnisten konnte, entsorgte sie diese in der dunkelsten Ecke ihres Bewusstseins mit den Worten: Ich will gar nicht wissen warum einer seiner Bimbos da war.  Denn das kaute ihr Kopf wie eine Kuh mehrmals tagtäglich durch. Und das geschlagene fünf Tage, seit sie Holland verlassen hatte. Über Belgien und Frankreich untergetaucht war - bis in dieses Zimmer der scheinenden Sicherheit, als sie sich entschloss, dass egal sei, warum ein Scherge ihr an den Fersen klebte wie ein Kaugunni. Es war egal, ob Santo sie wegen Angelika noch im Visier hatte. Er denken könnte, dass sie zu ihrer Ex-Chefin zurückkehren würde, die irgendwo in einem Versteck im Osten dahinvegetierte und wohl ihr Leben  in ewiger Angst verbrachte. Oder aber, der Baron sie doch noch um die Ecke bringen wollte, weil sie eine Gefahr darstellte.

Bei diesem Gedanken hatte sich Marissas Herz immer wieder aufs Neue zusammengezogen, hatte es mit einer eisigen Klinge durchstochen, die ihr bis ins Mark fuhr. Schmerzlich. Quälend. Die Bestätigung, dass sie nur ein Werkzeug zum Zweck gewesen war.

 

Zügig griff Marissa nach einem sauberen T-Shirt in ihrer Reisetasche. Riss an dem Stoff, der sich an etwas festklammerte, das ihn nicht losliess. Aber achtlos zerrte Marissa weiter, bis klatschend der burgunderrote Pass auf dem abgenutzten Holzboden landete – direkt vor ihren Füssen, als würde er sie eindringlich auffordern, ihn aufzuheben.

Kurz rollte sie mit ihren Augen. Griff nach den Papieren. Schlug den Pass auf und starrte auf das Abbild. Auf das rote, gewellte Haar. In die dunkelbraunen Augen – auf ein Foto von ihr, das dennoch nicht ihres war.

Ein Zucken zog an ihrem Mundwinkel, als ihr Blick beim Namen hängen blieb. Katharina Meier. Was für einen bekloppten Namen hab‘ ich da nur ausgesucht?, schnaubte sie ironisch, als sie den gefälschten deutschen Pass zuschlug und ihn zurück zu den anderen besorgten Ausweisen, den anderen Identitäten, in ihrer Reisetasche stopfte. Dann zog sie den Reissverschluss zu. Stellte die Tasche zurück auf das Regal und knallte die Schranktür zu, sodass der alte Schrank erzitterte. Wie ein Sturm fuhr sie herum, zerrte sich das schweissdurchzogene Shirt über den Kopf. Knüllte den Stoff zusammen und warf das Shirt angewidert auf das Bett.

Marissa riss das duftende braune Oberteil, das sie sich zwischen ihre Oberschenkel geklemmt hatte, aus der Klammerung. Schüttelte es aus und streifte es über ihre wilde Mähne. Für einen Atemzug hielt sie inne, als der Rand des Ausschnitts ihre Nasenspitze erreicht hatte. Dabei sog sie genüsslich den Geruch nach Lavendel und Magnolien ein – tief in ihre Lunge, weit in sich hinein und schloss ihre Augen.

Eine wohltuende Welle der Stille überkam die aufgebrachte Ex-Soldatin des Barons. Liess die Vertriebene einen Herzschlag alles vergessen und die aufwühlenden Bilder der Nacht endgültig verbannen, die ihr noch im Nacken sassen. Erst als sich ihr Puls besänftigte. Sich ihre Atmung beruhigte, zupfte Marissa am Saum des Shirts, damit der Stoff über ihre nackten Brüste heruntergleiten konnte.

Sofort schmiegte sich der braune Baumwollstoff an ihren Körper. Umhüllte sie mit dem Duft, der ihr weiter in die Nase stieg, wie eine kuschelige Decke aus ihrer Kindheit. Sorgsam richtete Marissa die Naht an den Schultern, nachdem der Geruch mit der matten Luft sich vermischte. Und keine zwei Atemzüge später schlenderte sie zu dem spärlichen Tisch, auf dem die Lampe ihr Bestes gab, um Marissa den Weg zu erleuchten.

 

Mit ruhigerem Gemüt griff Marissa unbeirrt nach ihrer abgenutzten Ledertasche. Dem alten Ding, das sie sicherheitshalber so hingestellt hatte, dass sie jederzeit ein Auge darauf haben konnte. Bedacht nahm sie das Leder vom Holzstuhl, der kaum noch zu gebrauchen war. Gar drohte, bei einer weiteren Last zusammenzubrechen, wenn man ihn nur ansehen würde. Die Finger krallten sich für einen Moment um die Griffe. Für einen Augenblick, als ihr ein eisiger Frost durch die Adern jagte. Unwillkürlich drückte es ihre Schultern nach unten. Sie spannte ihre Schulterblätter an, sodass sie beinahe in der Mitte ihres Rückens zusammenstiessen. Hastig wischte ihr Blick über die Tasche, durch den Raum zum klackernden Fenster, von dem die Nachtluft hereinwehte. Ihre Augenbrauen schoben sich zusammen.

Marissa fixierte wie gebannt die Gefahr hinter den wehenden Vorhängen – die Dunkelheit, als würde sich jemand anschleichen. Sich auf lautlosen Sohlen ihr bald nähern, um ihr eine Kugel in die Brust zu jagen. Oder mit einem Messer hervorpreschen, um ihre Kehle aufzuschlitzen.

Seufzend senkten sich ihre Lider. Ihr Kiefer mahlte. «Reiss Dich Gott verdammt nochmal zusammen. Es ist niemand da!», murmelte sie verbissen, ehe sie die Tasche auf die abgewetzte Fläche des Holztisches abstellte. Die Augen aufschlug und mit einem Zug die Tasche öffnete.

Prüfend wühlte sie darin herum – wie eine Feldmaus, ohne sich noch einmal dem aufbrausenden Wind in ihrem Rücken zu widmen. Ihr Fokus lag auf den verschiedenfarbigen Bündeln, die mit einem Papierstreifen zusammengehalten wurden.

Shit, mit dem komm ich nicht mehr weit!, stellte Marissa bedrückt fest, als sie die Summe der Geldscheine darin zusammengezählt hatte. Nachdenklich liess sie sich auf den Stuhl fallen, der sogleich gefährlich unter ihrem Gewicht knarzte, gar wackelte, als ob er gleich unter ihr auseinanderfallen würde. Zügig balancierte die Heimatlose ihre schlanke, abgemagerte Figur aus. Stützte die Arme mit ihren Ellenbogen auf der Tischkante ab. Verlagerte ihr Gewicht und legte das Kinn in die Handflächen. Kleine Runzeln zierten ihre Stirn, während Möglichkeiten durch ihre Gedanken rieselten, wie sie an das gebunkerte Geld käme. An die Summe, die sie dringend brauchte, um weiter unentdeckt zu bleiben.

«Der Scheiss kostet mich definitiv zu viel», knurrte es abschätzig in ihrer Kehle.

Zu schnell glitt ihr Vermögen wie Sand durch die Finger, für all die Pässe. Waffen. Kleidung. Unterkünfte und vor allem die Schmierungen von skrupellosen Verrätern, die ihr gnadenlos in den Rücken gefallen wären.

«Operationen wären eindeutig in der Türkei billiger gewesen.»

Stöhnend erhob sie sich. Strich sich fahrig durch die gefärbten Haare. Blickte sich im Zimmer des Klosters um, das sie unter dem Vorwand eines Retreats gebucht hatte. Legte ihren rechten Daumen an ihre Lippen. Tief durchatmend schloss sie ihre Augen. Rang den heraufkriechenden Schrei in ihrer Kehle nieder. Die Zähne knirschten, während sie noch fester gegen den Drang der Erlösung ankämpfte. Dem Gezeter, der sich in ihrem Rachen aufbäumte und drohte die Steinmauern beben zu lassen. Jede Faser spannte sich bis zum Zerreissen an. Jeder Muskel zuckte. Nervös wippten die Schultern.

Sofort presste Marissa ihre Hand hart vor den Mund, der sich willkürlich öffnete.

«Ahhhhhhh», verschluckte prompt ihr Handballen den Schrei. Ihr Magen verkrampfte sich. Die Kehle brannte, als wäre der geplatzte Knoten in ihrem Hals glühende Lava geworden, die ungehindert aus ihrem Mund floss.

Die Welt um sie herum versank in der Dunkelheit. Grelle Blitze zerfetzten die Finsternis hinter ihren geschlossenen Lidern.

Die Zeit verstrich, bis endlich die Qual in ihrer Brust nachliess. Der Druck in ihrer Kehle abklang.

Keuchend ging Marissa in die Hocke. Ihre Hand löste sich von ihren Lippen. Der Kopf bewegte sich langsam von einer Seite auf die andere und ein Gedanke drang sich bitter durch den Nebel ihrer Entscheidungen.

Es bleibt mir nichts anderes übrig – ich muss es durchziehen. Ihre Oberschenkel spannten sich. Die Muskulatur zuckte unter der Haut, als würde sie gleich wie eine Sprungfeder in die Höhe schiessen und aus der Tür sprinten.

Marissa rieb ihre Hände kraftvoll über ihre Beine. Als könne sie den aufkommenden Fluchtreflex in ihren Muskeln herausstreichen, die nur das Weite suchen wollten.

Ein surrendes Kribbeln durchzog ihre Wirbelsäule. Wanderte in ihren Nacken hinauf und legte sich wie eine Schlaufe um ihren Hals, die ihr die Luft abschnürte. Unbarmherzig. Kaltherzig, wie die Ketten ihrer Vergangenheit, die sie nicht vermagte zu trennen.

Santo – Eras, bitte, Erzengel Gabriel, hilf mir, mich zu stellen, versuchte sie erneut den Himmel mit ihrem Gebet zu erreichen. Sie atmete ruhig ein und aus. Wartete. Eine Sekunde. Zwei. Oder drei? Als sich das Zimmer plötzlich erhellte. Schneller. Intensiver.

Die Glühbirne begann zu flackern, sodass Marissas Aufmerksamkeit zurück auf den Tisch gezogen wurde. Ihre Miene verzog sich. Die Augen kleine Schlitze, die bewusst dem Spiel des Lichts folgten. Und mit einem Schlag in ihre Magengrube wurde ihr klar, was sie zu tun hatte. Sie musste sich ihrer Angst stellen – ob sie wollte oder nicht, war nicht mehr die Frage, sondern wann.

 

Da die Entscheidung bereits mit dem Erspähen ihres kargen Geldes für sie getroffen wurde, musste sie das Kloster in der ersten Nacht wieder verlassen. Damit wurde sie mit einem Knall der Hoffnung beraubt, hier weiter zu sich selbst zurückzufinden. Ihre Wunden zu heilen, die immer schneller aufrissen, als dass sie sich hätten schliessen können.

Marissa liess sanft die Luft aus ihrem Mund entweichen. Schlug beherzt die Lider auf. «Home sweet home, Katharina», kam trocken über ihre Lippen. Dabei fiel ihr Blick auf das offene Fenster. Hinauf zu der Mondsichel, die sich durch die zerschlissenen Wolken gekämpft hatte, um sein silbernes Licht auf den Sims zu werfen.

Ein Schimmer überzog das Holz, als ob es doch noch Hoffnung gäbe, nicht in eine Falle zu tappen. Sich einem vernichtenden Schicksal zu entziehen, wenn sie es nur schlau genug anstellen würde, um nicht in die Hände zu fallen, die hinter jeder Ecke in Kalabrien auf sie lauerten.

Forsch stemmte sie sich mit den Händen auf ihren Oberschenkeln in die Höhe. Richtete sich kerzengerade auf und sah entschieden zu den Sternen, die kaum funkelten.

«Danke», ein sarkastisches Wort, das aus der Tiefe kam, aber kaum mehr als ein Atem war – waberte wie ein Schatten durch den Raum. Aus dem Fenster hinaus, hinauf in das Himmelreich – zu Gabriel, der mit einem Zupfen um seine Mundwinkel auf Marissa hinabsah. Ein kritisches Zupfen, das mehr als tausend Worte hätte sagen können, huschte ihm über das Gesicht. «Lass Dich nicht verleiten, mein kleiner Erdenengel – Wut ist ein schlechter Begleiter.»

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