Leseprobe
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DAS ERWACHEN
1. Kapitel
Schimmernd glitzerte die purpurfarbene Lichtkugel durch den Nebeldunst. Flimmerte immer kräftiger. Ihre Farbe wurde mit jedem Moment strahlender. Ein weisses Licht zog sich wie ein Schein um die Hülle. Vermischte sich mit dem flackernden violettfarbenen Glanz im Nebelschleier.
«Metatron, wir müssen uns dringend unterhalten», sprach eine Stimme mit dem Eintreten in die grosse Halle. Erblickte den Fürsten der Erzengel im Dunst der Wolkenwände.
Der eindringliche Klang schallte über die Kuppe der Decke zu der pulsierenden Erscheinung, die sich wippend auf und ab bewegte.
Das Flimmern verebbte. Das Pochen verstummte. Ein heller, weisser Lichtschein strahlte auf. Teilte sich im nächsten Augenblick in der Mitte. Formte sich zu einem Portal, bevor sich darin eine hochgewachsene Gestalt abzeichnete.
Mit einem majestätischen Schritt trat Fürst Metatron aus dem Licht heraus. Setzte seine eingenommene physische Gestalt vollumfänglich aus seinem Glanzkegel in die Halle des Grossen Rates. Weitete seine weissen Schwingen auf seinem Rücken aus und mit einem Flügelschlag nahm die Halle seine klare Form an.
Die Wände verfestigten sich innerhalb eines Augenblicks. Hohe, bodentiefe Fenster formten sich. Gaben die Sicht auf die Stadt der Wolken frei. Der runde Tisch aus Dunst, in der Mitte des Saals, wurde zu einer einladenden Tafel. Sieben prächtige Stühle aus alter Eiche bildeten sich um diesen.
«Mein lieber Freund, was kann ich für Dich tun?» Sanft erklang die Stimme des Fürsten der Erzengel, welcher seine Flügel an seinen Rücken angelegt hatte. Schritt gelassen auf seinen Verkünder zu, welcher mit erzürntem Gesicht in den Pforten der Halle stehen geblieben war. Sein Missmut über die Lage mit verschränkten Armen vor seiner Brust kundtat. «Einmal mehr muss ich Dir unangemessene Taten bekannt geben», grollte die Stimme Metatron entgegen. Abrupt blieb er stehen, als er die Kundgabe vernahm.
Ruhig hob der Fürst der Engel seinen rechten Arm. Hielt für einen Seraphenschlag inne, bevor er aufgeklärt Gabriel wieder ansah. «Komm, lass uns ein paar Schritte gehen.»
Metatrons sanfter Farbklang in der Stimme beschwichtigte den Boten der Engel. Liess seine versteinerte Miene langsam erweichen. Besänftigt trat Gabriel neben den Fürsten, welcher sich bereits durch die mächtigen Pforten begeben wollte. Metatron blieb erneut stehen, als er den ersten Schritt über die Schwelle nehmen wollte. Drehte seinen kräftigen Oberkörper, der in seiner Brustrüstung noch imposanter wirkte, zurück in die Halle. Blickte gefasst aus dem Fenster, als sich ein kräftiger roter Lichtstreif in den Wolken ankündigte. Gefolgt von einem gelben, wie auch einem grünen langgezogenen Schweif.
«Ich glaube, wir müssen unseren Spaziergang auf später verschieben», wandte sich Erzengel Gabriel an den Fürsten. Zuckte kritisch mit seinem linken Mundwinkel, als auch er die Ankömmlinge erhascht hatte.
Besorgt nickte Metatron, während die drei Schimmerquellen mit einem lauten Donnerschlag durch die weichgewordene Decke brausten. Im Anflug ihre körperliche Gestalt annahmen und dann leichtfüssig auf den marmorierten Boden aufsetzten.
«Es wird wohl nicht mehr allzu lange dauern, dann werden sich auch Michael und Zadkiel zu uns gesellen.» Kaum hatte der Fürst seine Vorahnung ausgesprochen, erstrahlten auch die Farben der letzten zwei Erzengel am Firmament. Färbten ihren zurückgelegten Weg durch die Wolken mit einem sachten Indigo und Orange, während ihre Strahlen den Dunst brachen.
Umgehend verformten sich auch diese zwei Lichterscheinungen zu einem Kreis, nachdem sie durch die Decke gedrungen waren. Traten sogleich in ihrer Engelsgestalt hervor. Gekleidet in ihren enganliegenden Brustrüstungen aus geschlagenem Stahl, der fliessend wie Stoff ihren makellosen Oberkörper einhüllte. Bis über ihre breiten Schultern ragte. Ihre starken Oberarme freilegten, welche noch durch die Gestaltwandlung leicht zuckten.
Rege diskutierten die sechs Erzengel seit gefühlter Ewigkeit wirr durcheinander. Verdunkelten zunehmend die Atmosphäre in den Wolken. Färbten die flauschigen Gebilde am Himmel in ein störrisches Grau, was auf die Stimmung in der Halle des Grossen Rates zurückzuführen war. Sich mit jedem Wort verdickte, und mit einem Messer hätte geschnitten werden können.
Mit der Hand am Kinn hörte Metatron der Diskussion aufmerksam zu. Sein ausdrucksloser Blick schweifte durch die Mitglieder des Rates, ohne dabei seinen Kopf zu wenden. Stand wie der Fels in der stürmischen Brandung da, während der Disput zwischen den Erzengeln tobte. Plötzlich spannte er hinter seinem Rücken die Seelenfächer bis in die kleinste Feder an. Hob sie so weit, dass die Himmelssegel über seinen Kopf ragten.
Sofort verstummte das Stimmengewirr unter der pressanten Energie des Fürsten. Liess die Mitglieder die Worte herunterschlucken, welche ihnen noch auf der Zunge brannten. Kein Hauch zog mehr durch die Halle. Alles lag in der Stille, welche zur Ordnung aufrief. Die Erzengel aufforderte, ihre Aufmerksamkeit zu dem Fürsten zu richten. Erst als auch die letzten Augenpaare zu Metatron sahen, nickte der Ordnungsführer. Übergab damit das Wort an Michael, der einen Schritt aus dem gebildeten Halbkreis der sechs hochrangingen Erzengeln trat und mitteilte, was ihm auf dem Herzen lag.
Nacheinander berichteten die sechs hochrangigen Engel über ihre Beobachtungen und welche Entschlüsse sie daraus zogen. Nur der Fürst hielt sich weiterhin bedeckt. Führte sich abwägend die Kundgabe zu Gemüte, dass sie nicht mehr bereit waren, weitere Geschehnisse zu dulden. Metatron nickte gelegentlich über die geschilderten Begebenheiten, ohne sein ernstes Mienenspiel zu verändern. Als Erzengel Zadkiel noch einmal vortrat – das Wort an den Grossen Rat richtete, durchzuckte es die verdunkelten Wolken mit einem orangenen Schimmer. Wandelte die unterkühlte Stimmung zurück in eine wohlige Wärme. Verbreitete eine optimistische Stimmung unter ihnen. Was Zadkiel mit seiner Tonlage untermauerte: «Ja, wir müssen handeln. Hopfen und Malz ist bei ihnen noch nicht verloren. Die Jahre haben beide geprägt und sie in die Disharmonie zueinander gebracht.» Kurz hielt der zweithöchste Erzengel einen Atemzug inne. Liess seinen strahlenden Blick durch die Runde wandern, bevor seine Augen am Ende beim Fürsten hängen blieben. «Ich habe bereits mit der Dunklen Welt kontaktaufgenommen. Es war zwar eine rege Debatte mit dem Fürsten der Finsternis – aber er kam auch zu dem Entschluss, dass es für den Ausgleich nur eine Option gäbe…»
«Das könnt ihr nicht vollziehen!» Mit seiner grünen aufleuchtenden Aura legte Erzengel Chamuel ein vehementes Veto ein. Schnitt scharf Zadkiel das Wort ab. Bäumte seine ganze körperliche Gestalt auf, was sein Licht um ihn intensivierte. Der Erzengel der Liebe sprach zwar bedacht seine Worte, dennoch mit der mitschwingenden Empörung, welche Chamuel nicht zurückhalten konnte, wollte. «Wenn ihr die zwei trennt, bringt das keinen Ausgleich! Sie wird sich selbst zerstören und zur Erde fallen. Und für seine Taten, könnt ihr sie nicht bestrafen!»
Verständnisvoll legte der Fürst seine Hand auf die Schulter des Erzengels der Liebe, nachdem er vor Chamuel stehengeblieben war. Krauste seine schmalen, leichtgeschwungenen Lippen. Wägte mit gebildeten Falten auf seiner Stirn die Worte des Erzengels ab. Bevor aber der Fürst des Lichtes Stellung nehmen konnte, meldete sich auch schon Raphael aus dem Halbkreis. Vermischte sein roter Schein mit der von Erzengel Zadkiel, weswegen die rot-orange Farbe in den Wolken das sanfte Grün übertünchte. «Wir müssen es vollziehen. Er wird es sonst nicht lernen. Und bevor wir ihn gänzlich in die Dunkle Welt verbannen, bleibt uns nur dieser Weg zu beschreiten. Ihre vorübergehende Trennung ist unabdingbar. Seelisch werden sie dennoch über die Astralebene weiter miteinander verbunden sein.»
Behutsam liess Metatron die vorgebrachten Argumentationen aller Erzengel durch seinen Kopf gleiten, nach dem er sich zurückgezogen hatte. Bedachte stirnrunzelnd die möglichen Folgen seiner Entscheidung, die das Zünglein an der Waagschale war.
Ruhigen Schrittes lief der Fürst durch seine privaten Gemächer. Wusste, dass es Zeit war, eine schwere Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung, welche nicht auf die lange Bank geschoben werden konnte. Er ein Urteil fällen musste, die Gerechtigkeit forderte. Liebevoll wandte er seinen Blick zu seiner Begleiterin Arana, die entspannt in ihrem wolkigen Sessel verweilte. Ihrem Gatten dabei zu sah, wie sein Herz die Schwere seiner Gedanken trug. Auch wenn Metatron nichts an seiner stattlichen Haltung verloren hatte. Mit festem Gang über die Platten wanderte, erkannte Arana es in seinen trüben Augen. In seiner Atmung, die stossweisse über seinen Mund kam. Dann aussetzte. Zudem konnte sie seine sonst so kräftige Energieausstrahlung kaum noch wahrnehmen. Was Metatron gerne hegte, wenn er in sich kehrte. Er bewusst seinen Glanz nahe an seinen Körper zog, statt den ganzen Raum einzunehmen. Seine Aura dagegen dehnte der Fürst aus, damit er in Ruhe seinen rationalen Überlegungen nachgehen konnte. Bis sich die Veränderung in der Luft zeigen würde, nahm sich Arana geduldig zurück. Wartete, bis Metatron so weit war, ihre Seite zu Rate zu ziehen.
Wie jeder Erzengel hatte auch der Fürst des Lichts eine in der weiblichen Energie vorherrschenden Begleiterin in Arana gefunden. Sie bot ihm den Ausgleich zu seiner aktiven Präsenz. Schenkte ihm die Sicht, die andere Seite der Medaille zu erkennen. Gerade in den Zeiten, in denen der Fürst dazu aufgerufen war, eine gerechte Entscheidung für zwei Parteien treffen zu müssen.
«Was befürchtest Du?», erklang die herzliche Stimme von Arana, als sich die Energie im Raum geändert hatte. Erhob sich geschmeidig aus ihrem Sessel. Schwebte leichtfüssig über den Boden. Strich ihm sanft über seine Wange, als sie dicht vor ihrem Gatten stehen geblieben war.
Ihr glattes, goldblondes Haar strahlte im Licht der durch die hohen Fenster fallenden Sonnenstrahlen dem Fürsten entgegen. Schmeichelnd betonte der glänzende Schein ihre zarten Gesichtszüge. Weich. Herzerwärmend. Ihr Liebreiz brachte dem Fürsten einen wohlig warmen Hauch der Liebe, welche er in seiner Abwägung der Rationalität benötigte. Ein zurückhaltendes Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab: «Wird sie sich zerstören, wenn sie von ihm physisch getrennt wird?»
«Mit dem müssen wir rechnen, mein Liebster. Ihr Herz wird es sicherlich zerreissen – mir würde es nicht anders ergehen. Jedoch ist das hier die falsche Frage, welche Du Dir stellst», erklärte Arana in ihrer fühlenden Rationalität. Nahm ihre Hand von der eisigen Wange Metatrons. Trat an die Kante eines Loches, welches sie eröffnet hatte, um die Sicht auf die menschliche Welt zu erhalten. Sog wehmütig die Luft in ihre Lunge, bevor sie mit gesenktem Blick schweren Herzens weitersprach. «Beide müssen wieder in den Einklang kommen… und wenn das bedeutet, dass Anisha sich selbst in den Fall bringt, ist es ihre Entscheidung…, welche auch Du nicht verhindern kannst.»
Es vergingen einige Sekunden des Schweigens. Weich schwingend fuhr Arana zu dem Fürsten um. Ihre Augen leuchteten fordernd auf. «Du wirst wie immer das Richtige vollziehen. Du solltest es jetzt nicht weiter aufschieben. Die Folgen seiner Taten sind zu schwerwiegend – auch für sie.»
Wissend, was seine Begleiterin meinte, stellte sich Metatron neben Arana. Näherte sich ihrer Stirn und drückte zart seine Lippen auf ihre glatte Haut. «Ich danke Dir meine Liebste. Es wird Zeit mein Ermessen den anderen mitzuteilen und zu vollstrecken», murmelte der Fürst durch seinen Kuss.
Hocherhobenen Hauptes trat Eras durch die Pforten in die Halle des Grossen Rates. Auf seinem Gesicht lag seine erhabene Miene. Strotzte vor Kühnheit, gepaart mit einer Dreistigkeit, die aber vor dem Rat keinen Eindruck schindete. Ihn ausdruckslos taxierten, während der Engel mit festen Schritten über den Marmor marschierte. Tollkühn blieb Eras vor den in Reih und Glied sitzenden Erzengeln stehen. «Ihr habt mich rufen lassen.» Seine Anmassung lag hörbar in jedem Wort. Der Engel steigerte seinen impertinenten Tonfall markant, als sich Gabriel aus seinem Thron erhob. «So, es gibt wohl eine Verkündung, wenn Du Dich erhebst.» Lachend warf der Engel seinen Kopf in den Nacken: «Dann bin ich ja mal gespannt, was das hier werden soll.»
Kopfschüttelnd wandte sich Erzengel Gabriel dem Fürsten mit einem entschlossenen Blick zu. Dieser verneinte umgehend die Absichten des Verkünders. Hob seine rechte Hand, sodass Gabriel abwartete, bis Eras aufhörte höhnisch zu lachen.
Es dauerte nur einen stillen Augenblick bis Eras seine Aufmerksamkeit wieder Gabriel schenkte. «Na dann sag, was Du zu sagen hast. Ich habe schliesslich nicht den ganzen lieben Tag Zeit – nicht, nachdem Anisha wieder einmal den Idioten da unten alles abgenommen hat», beharrte Eras nachdrücklich darauf, dass der Rat ihn nicht unnötig aufhalten sollte.
Ein Flackern des Indigostrahls von Erzengel Michael entfachte. Energisch schoss der Vollstrecker der Gerechtigkeit mit seinem Schwert in der Hand hoch. Trat mit ernster Miene auf den hochmütigen Eras zu, der keinen Schritt zurückwich. Demonstrativ seinen breiten Brustkorb aufplusterte und seine Schulterpartie anmassend zurückzog.
Erzürnt donnerte die Stimme Metatrons durch die lichtdurchflutete Halle. Die purpurfarbene Energie des Fürsten erleuchtete und färbte das strahlende Licht der Nachmittagssonne violett ein. «Michael – Eras – Es reicht. Michael, senk Dein Schwert. Es wird der Gerechtigkeit genüge getan.»
Durch den herrischen Klang schob Erzengel Michael zögernd sein Schwert zurück in seine Schwertscheide, die hinter seinem Rücken zwischen seinen mächtigen Seraphsschwingen befestigt war. Die Klinge blitzte in der von ihm umhüllten Indigofarbe auf. Erst als die Parierstange von Michaels Langschwerte die schwarze Hülle berührte, wandte sich der Fürst dem Engel Eras wieder zu. Ging mit festem Gang auf den übermütigen Naseweis zu. Mit jedem Auftreten auf den weiss-grauen strukturierten Marmorboden wurde die Gestalt von Metatron gewaltiger, bis er die doppelte Grösse seines ursprünglichen gewählten Körpers erreichte. Blieb eine Armlänge vor Eras stehen. Im Rücken von dem Fürsten, Erzengel Zadkiel, der in der Zwischenzeit seine Position zur Bekräftigung eingenommen hatte. Trotz der besänftigten Stimme des Fürsten, loderten dessen Augen dunkelgrau, als er sein Wort an den vorwitzigen Engel richtete. «Eras, Du hast in den letzten Jahren vermehrt die Prozesse der Menschen vereitelt. Wurdest übergriffig, was Deine Aufgaben beinhaltete und hast Dich zunehmend über die Probleme der Menschen lustig gemacht.»
Metatron hielt inne. Senkte sein violettes Licht und zog seinen Schimmer um sich herum zurück. Das strahlende Licht in der Halle verdunkelte sich. Die stabilen Wände der Halle lösten sich auf. Verwandelten sich zu düsteren und unheilvollen Wolkengebilden. Ein wehender Wind bäumte sich auf. Wehte durch den Raum und legte sich wirbelnd um den kräftigen Körper von Eras. Umkreiste den Engel, weswegen der Naseweis sich nicht mehr rühren konnte.
Gefangen im Strudel des Windes riss Eras seine Augen auf. Blickte starr auf Erzengel Azrael, der sein strahlendes, gelbes Licht mit einem Auraschlag in ein sattes Schwarz wandelte. «Das könnt ihr nicht machen!», fand Eras panisch seine Worte wieder, nachdem auch Azrael seinen Platz an der Seite des Fürsten eingenommen hatte – «Verdammt mich nicht in die ewige Dunkelheit!»
«Die Entscheidung ist gefallen – Eras, Du wirst als Mensch inkarniert und damit Dein Karma tragen», richtete Metatron entschieden über das Schicksal des Engels. Kein Muskel zuckte. Kein Wimpernschlag der Gnade durchfuhr den Fürsten des Lichtes.
Mit der Verkündung des Beschlusses entfachten sich Eras Augen. Blitzten störrisch Metatron entgegen, während sein Blut durch seine Adern pumpte. Das Adrenalin dem Engel eine Stärke verlieh und er sich ringend gegen den Strudel des Windes aufbäumte. Seine Augen verengten sich. Ein Hohn stach hinter seiner Iris hervor: «Ich und ein Mensch! Dann verdammt mich vorher in die Hölle! Ich habe schliesslich nur das gerichtet, was Anisha mit ihrer übertriebenen Gutmütigkeit angerichtet hatte! Und wenn das meine Busse sein soll, dann wechsle ich mit Genuss zu dem Fürsten der Dunkelheit, statt mich als Mensch versklaven zu lassen.
Der Wirbel verstärkte sich um den Engel. Umringte ihn dichter an seinem Körper. Drückte seine Schwingen noch fester an seine Flanken.
«Zadkiel hat bereits mit dem Fürsten der Dunkelheit gesprochen – auch er kam zu dem Beschluss, dass es für Dich nur diese Wahl der Bestimmung gibt.» Die Gestalt Metatrons nahm seine ursprüngliche Grösse ein. Seine Stimme wurde weicher: «Eras – Du bist einer der ältesten Engel in unserem Reich. Du hast viel gesehen, was die Menschen vollbracht haben. Aber eben auch, was sie nie verstanden. Trotzdem – es gibt Dir nicht das Recht über sie zu urteilen. Ihnen ihren Freier Wille zu berauben und damit in ihre Prozesse einzugreifen. Zudem hast Du Deine Partnerin in die Schieflage gebracht, dass sie nur noch aus reinster Gutmütigkeit gehandelt hatte, um Deine herzlose Rationalität auszugleichen. Wir haben entschieden – Du wirst als Mensch wiedergeboren – wirst Deinen Weg als Erdling gehen. Deine karmischen Aufgaben bekommen.» Metatron unterbrach. Liess sanft die Luft aus seinem Mund entweichen. Seine grauen Iriden hellten auf, wurden weicher. «Welchen Weg Du beschreitest, wird Deine Entscheidung sein. Wählst Du die Lösung, werden wir uns wieder sehen. Wählst Du die Konflikte, wird sich Deiner der Fürst der Dunkelheit höchstpersönlich annehmen. Die Verträge wurden bereits geschrieben. Deine Eltern auf der Erde von Chamuel bereits ausgesucht…»
«Dann wähle ich den Weg der Dunkelheit und ihr werdet mir büssen, was ihr mir hiermit antut», fiel Eras Metatron scharf ins Wort.
Ruhig fuhr Metatron fort: «Dann wird es so sein, mein Liebster. Geh den Weg der Finsternis und entsage Dir Deinem Platz bei uns für die Ewigkeit. Dies obliegt allein in Deiner Hand.»
Jedes Wort des Fürsten bohrte sich wie ein Dolchstoss in seine Magengrube. Durchfuhr Eras mit dem Schmerz der Undankbarkeit, welche die Erzengel nach seinem Ermessen ihm bezeugten. Die Bitterkeit des Verrates legte sich in die grauen Augen des Engels. Sah vernichtend zu jedem einzelnen Erzengel, die erhaben vor ihm standen. «Und Anisha!», platzte der Zorn aus Eras heraus: «Was ist mit ihr! Wenn ihr mich auf die Erde verbannt. Mich ihr entreisst, wird sie leiden – nicht ich!»
In Metatron wuchs die Besorgnis um Anisha, erreichte seine Pupillen. Da erklang die herzliche Stimme von Arana in seinen Ohren. Es möge geschehen, was geschehen soll. Die Befürchtung entwich aus dem Gesicht des Fürsten. Trat wortlos einen Schritt zurück und liess Azrael vortreten. Auf einen Schlag lag der Himmel in kompletter Dunkelheit. Kein Windzug durchzog die Hallen. Kein Leuchten durchzuckte das Firmament. Alles lag in der Finsternis der Stille. Lediglich der Wirbel um Eras intensivierte sich noch einmal. Schraubte sich weiter an dem Engel empor, bis nichts mehr von ihm zu erahnen war. Da durchbrach ein quälender Schrei die Stille. Teilte die Dunkelheit mit einem hellen Lichtstrahl, bevor abertausende Federn durch die Hallen schwebten.
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