Leseprobe
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DAS ERWACHEN
1. Kapitel
Das laute Getümmel auf den Straßen drang nur dumpf durch die dicken, mehrfach verglasten Scheiben in das mächtige Zimmer, während die grell leuchtenden Neonlichter ihr Lichtspiel der Stadt durch den sanften, weißen Stoff der Vorhänge ins Zimmer reflektierten. Ein süßlich-bitterer Geruch stieg der noch leicht benebelten Sarah in die Nase, als sie behutsam an ihren dröhnenden Kopf fassen wollte.
Aus dem heiteren Nichts rasselte es plötzlich beängstigend neben Sarah. Erschrocken riss die Blondine ihre grünblauen Augen blitzschnell auf und starrte noch benommen auf ihren Unterarm.
„Verdammt, was soll dieser Scheiß!“, fluchte Sarah echauffiert lauthals los, als die dicken Metallmanschetten um das Handgelenk ihr entgegenblitzten.
Wie auf einen Donnerschlag war der Dunst um ihr Köpfchen weggeblasen und Sarah war wieder bei klarem Verstand. Griff ungehalten mit der rechten Hand nach der Kette, welche an dem Himmelbettpfosten befestigt war. Sofort spannte sich der klirrende Stahl.
Hitzköpfig versuchte der Blondschopf ihre Hände zusammenzuführen. Doch egal wie sehr sie es auch probierte, kräftig daran riss und zog, bewegten sich die Balken an dem Bett keinen Millimeter. Was Sarah nur noch wütender werden ließ. Aufgebracht wälzte sie sich mit fieberhaften Bewegungen auf der weichen Matratze, um sich von ihren Fesseln zu lösen. Der kalte Stahl ritzte mehr und mehr ihr zartes, rosiges Fleisch auf, während ihr Herz in der Zwischenzeit unaufhörlich gegen ihre Brust sprang. Pumpte das wallende Blut rasant durch ihre Adern, weswegen ihr bereits brummender Kopf noch mehr begann zu dröhnen. Trotzdem gab die Blondine nicht auf. Zerrte tobend wie eine Verrückte an den Dingern, welche einfach nicht nachgeben wollten. Ihrer Kraft unbeeindruckt trotzten.
Stück für Stück näherte sich Sarah an den Abgrund der Verzweiflung. Brachte sie an den Punkt, wo sie einsehen musste, dass all ihr Tun zu nichts führte. Dies nur dazu steuerte, dass sie ans Ende ihrer Kräfte käme.
Kapitulierend fiel Sarah kraftlos zurück in das Kissen. Schloss ihre feuchten Augen, damit sie die heraufkriechenden Tränen des Zorns herunterschlucken konnte. Dennoch fand ein kleiner bitterer Tropfen seinen Weg über ihren Augenwinkel, welcher sich neben Sarah aufs Kissen legte.
Nach ein paar Minuten der Besinnung, öffnete Sarah langsam ihre getrockneten Augen. Starrte seelenleer an die Decke, welche das schillernde Farbenspiel von den Wänden übernommen hatte. Trostlos sah sie den verspielten bunten Lichtern der Stadt zu, in der sie ihren Urlaub mit ihrer Freundin lediglich genießen wollte. Ihren langgehegten Wunsch damit erfüllte, vor ihrem baldigen 30igsten Geburtstag die Stadt der Sünde auszukosten und dabei ihr hartgespartes Geld auf den Kopf zu hauen.
Und nun sollte das alles wie eine Seifenblase vor ihren Augen zerplatzen? Und das, obwohl sie sich immer noch in Sin City befand?
Frustriert presste Sarah kräftig über ihre Nase die Luft aus ihrer Lunge. Unterdrückte ihren Drang, laut loszuschreien. Glaubte nicht, dass dies etwas bringen würde. – Oder doch?
Zügig füllte die junge Blondine ihre Lungen. Sog so viel Luft in sich hinein, dass Sarah glaubte es gäbe keinen Hauch mehr in dem Zimmer. Spannte ihren Körper an. Spürte dabei jede Faser ihrer Muskulatur, welche sich durch ihren Leib zogen. Presste fest ihre Lippen zusammen. Sammelte all ihre Kraft, welche sie benötigte. Öffnete ihren Mund, soweit sie nur konnte und schrie aus vollem Leib los.
Sarah konnte spüren, wie sie dabei regelrecht ihre Seele aus dem Körper brüllte, nur damit sie jemand hören würde. Trotz ihres ohrenbetäubenden Gezeters regte sich jedoch keine Menschenseele. Keine einzige Spur wies daraufhin, dass sie jemand anderes gehört hätte.
Wütend saugte Sarah erneut die Luft ein. Setzte ihren Körper so weit aufrecht hin, wie es die Ketten zuließen und haute ihre volle Stimmkraft in das Zimmer hinaus. Immer und immer wieder ließ Sarah ihre dröhnenden Hilferufe durch den Raum donnern. Begann cholerisch an ihren Fesseln zu zerren, während sie mit ihren Beinen wie wild strampelte. Versuchte händeringend auf sich aufmerksam zu machen, was nach gefühlter Ewigkeit ihre ganze Kraft gekostet hatte.
Erschöpft, verzweifelt und mit einem Tränen überströmten Gesicht plumpste Sarah auf die federweiche Matratze zurück, welche ihren Aufprall sanft abfing. Unaufhörlich hämmerte es in ihrem Kopf, weswegen die Blondine glaubte, dieser würde gleich von ihrem Hals explodieren.
Schmerzerfüllt schloss Sarah ihre Augen, während die Tränen unnachgiebig weiter hochschossen. Schluchzend und schnappatmend erfüllte es Sarah mit einer aufkommenden Angst, welche sie nicht mehr von sich wegschieben konnte.
Gerade sie, welche doch keine Furcht mehr kannte, nachdem sie doch schon alles Mögliche gesehen und erlebt hatte. Sie, die der Angst mittlerweile mit einem triumphierenden Grinsen ins Gesicht lachte. Und nun soll es ausgerechnet sie eiskalt erwischen?
Trotzig schüttelte Sarah die Furcht aus ihrem pochenden Kopf. Biss sich störrisch auf die Zunge, während sie mit ihren inneren Dämonen kämpfte. Ihre Kiefermuskeln spannten sich weiter an, was Sarahs pochender Schädel weiter ins unerträgliche Zerren trieb.
Wütend entspannte Sarah wieder ihren Unterkiefer. Bewegte bewusst ihren Nacken, damit sich dieser etwas lockern konnte. Kontrollierte berechnend ihre Atmung, damit sich ihr Zorn zähmte. Konzentrierte sich dabei auf das beschwichtigte Rauschen des Regens, welcher inzwischen sachte an die Fensterfront klopfte.
Vor lauter Hingabe ihres Frustes, hatte Sarah nicht einmal mitbekommen, wie sich das Wetter verändert hatte. Geschweige, dass sich bereits die Morgendämmerung in Las Vegas bemerkbar machte.
Genervt von ihrer zuvor hineingesteigerte Hysterie, stieß die Blondine verdrießt einen schweren Seufzer aus. Öffnete ihre brennenden Lider und ließ ihre abgespannte Schulterpartie los. So sackte Sarah weiter in die Kissen hinein.
Sofort gaben die weichen Federn unter ihrem kneifenden Kopf nach. Ließen sie behaglich in den Kissen ihr Gemüt weiter herunterfahren. Da kam Sarah endlich die alles entscheidende Frage in den Sinn, welche sie zuvor nicht einmal auf dem Schirm hatte – Verdammt, wie in Gottes Namen bin ich hier eigentlich gelandet?
In ihrer Erinnerung an die vergangene Nacht suchte Sarah den alles entscheidenden Hinweis. Ging dafür mit geschlossenen Augen Schritt für Schritt den Abend durch. Doch je weiter sie die Wege in ihrem Kopf ablief, desto düsterer wurde es vor ihr. Plötzlich bäumte sich eine dicke schwarze Wand vor ihr auf, durch die sie nicht schreiten konnte. Eine schreckliche Vorahnung machte sich in Sarah auf, als sie spürte, wie ihr Kopf aus einem leeren dunklen Loch bestand. Alarmiert riss der Blondschopf ihre Augen auf, nachdem ihr klar wurde, dass sie ein komplettes Black Out erfasst hatte.
So viel habe ich doch gar nicht gesoffen! - erinnerte sich Sarah auf einmal, wie sie sich mit ihrer Bestie mit einem Gläschen eines edlen Tropfens Champagners im Hotelzimmer für den venezianischen Maskenball in einem luxuriösen Casino zurecht gemacht hatte. Wie sie in ihr enges, weißes Engelskostüm geschlüpft war, welches ihre heißen Kurven der Weiblichkeit perfekt in Szene gesetzt hatte. Dazu immer wieder an ihrem Tulpenglas nippte, damit sie bloß nicht schon vor Beginn des begehrten Events benebelt gewesen wäre. Die Blondine wusste zu gut, welche rasche Wirkung der sündige Alkohol bei ihr auslöste.
Durch ihr sonst so gesittetes Verhältnis zu diesem Zeug, brauchte es auch nicht viel, bis Sarah beschwipst war. Da war ihre Freundin Marion das pure Gegenteil. Die trank es wie Wasser und stand dann noch wie eine Eins. Nicht nur in diesem Punkt waren die zwei Frauen wie Tag und Nacht, sondern in so vielen anderen Punkten lagen Welten zwischen ihnen, bemerkte Sarah, als sie das Bild von ihr und Marion vor dem Spiegel vor sich sah. Wie ihre beste Freundin in ihrem Teufelchen Kostüm neben ihr stand und ihren Arm locker über ihre Schulter gelegt hatte.
Vom Aussehen angefangen, war Sarah mit engelsgleichem, langen blondem Haar gesegnet und Marion mit einer glänzenden, schwarzen Mähne bestückt. Sie waren zwar ungefähr gleich groß, doch die Freundin war eine durchtrainierte, schlanke Persönlichkeit, mit kaum Arsch und Titten, wie es die Männer immer sagten. Was jedoch perfekt zu Marion passte.
Ein sachtes Schmunzeln huschte Sarah bei diesem Gedanken über ihre vollen, wohlgeformten Lippen und schüttelte unbewusst dabei ihren Kopf. Doch das leichte Lächeln verschwand schnell wieder. – Reiß Dich verdammt nochmal zusammen – maulte sich Sarah an, damit sie ihrem Ablauf konzentriert nachgehen konnte.
Zügig schob Sarah aus diesem Grund das Bild von ihrer Freundin und sich auf die Seite. Rief gedanklich den nächsten Stepp dieses Abends ab.
Der Film im Köpfchen der Blondine lief weiter vor ihr ab. Erinnerte sich daran, wie sie, nach dem Selfie vor dem Spiegel, freudig das Hotel verlassen hatten. Sich vergnügt zu Fuß auf den Weg zu dem Event machten, welches im gegenüberliegenden Hotel stattfand.
Tänzelnd bewegten sie sich in dem Engelchen und dem Teufelchen Kostüm über die vielbefahrene Straße. Wichen dabei den hupenden Autos mit einem Schalk auf dem Gesicht grölend aus. Winkten den maulenden Fahrern zwinkernd zu und belächelten die gierigen Männerblicke, welche ihnen begegneten.
Alles spielte sich plötzlich glasklar im inneren Auge vor Sarah weiter ab. Erblickte, wie der Portier des Hotels mit einem breiten Grinsen ihnen die Tür geöffnet hatte und sich Marion übertrieben freundlich bei ihm bedankte. Dem jungen Burschen in seiner schwarzen Uniform sogar noch einen Schmatzer auf die Wange drückte, was ihm die Schamröte nur so ins Gesicht trieb. Wie Sarah nur über ihre lebensfrohe Freundin danach den Kopf schütteln konnte, sich dabei aber ihr Lachen verkneifen musste.
Es war sowas von typisch für die quirlige Freundin, dass diese sich, ohne nachzudenken, ihren spontanen Impulsen nachgab. Dabei sich nicht dafür interessierte, was andere davon halten könnten. Für diese Leichtigkeit bewunderte Sarah ihre Freundin.
Zwar war auch sie nicht gerade ein Mauerblümchen, welches sich versteckte, doch im Vergleich mit Marion war sie jedoch schon immer die Rationale von beiden. Die Blondine machte in der Regel nichts, was sie nicht hätte kalkulieren können. Spielte mit den Männern prinzipiell nach ihren Regeln. Bedachte dabei jeden Schritt, den sie vollführte und überließ nichts dem Schicksal.
Mit dem Eintritt durch die geöffnete Glastür tapste Sarah nur noch im verschwommenen Nebel vor ihren Augen umher. Ganz egal, wie sehr sie sich anstrengte sich an das weitere zu erinnern, es war wie weggeblasen. Das Einzige, was Sarah noch glaubte zu wissen, war der betörende Geruch, welcher ihr in die Nase stieg, als sie den ersten Schritt in das prachtvolle Hotel wagte. Von irgendwo kannte sie diesen Duft.
Als der Blondschopf an all das zurückdachte, kroch es ihr kalt den Rücken hoch. Stellte sich ihr feiner Flaum auf den Armen senkrecht auf. – Was war das für ein Duft? Oder habe ich mir den nur eingebildet?
Bei ihren Nachforschungen durch den Abend lag Sarah regungslos auf dem Bett. Behielt ihren Blick stehts in den Himmel gerichtet und sah, wie die Morgensonne sich durch die Wolken vom Bundesstaat Nevada gekämpft hatte. Sich die zarten Strahlen durch den Spalt des Vorhanges drängten und das Zimmer angenehm heller werden ließ.
Neugierig hob Sarah ihren Kopf aus den weichen Federn. Blickte sich in dem geräumigen, luxuriösen Zimmer um. Erhaschte ihre Engelsflügel achtlos auf dem Boden liegen. Ansonsten sah der Raum wie ein unberührtes Hotelzimmer aus. Alles stand geordnet und aufgeräumt da. Keine anderen persönlichen Dinge von jemandem war auch nach längerem umherschauen zu entdecken. Stutzig runzelte Sarah ihre Stirn. Fragte sich, wenn sie doch in einem Hotelzimmer war, warum niemand ihre Schreie gehört hatte.
Erneut loderte die Wut in der Blondine auf. Spürte, wie ein Feuerball sich in ihrem Magen formte und seine Funken zu versprühen begann Eine hitzige Welle durchströmte sie, welche ihren Körper zur Anspannung brachte. Jeder Muskel vibrierte, als sie flach wieder auf der Matratze lag. Mit geballten Händen brüllte sie von Neuem durch das Zimmer. Die Arme rissen dabei mit aller Kraft an den Ketten, die sich sofort wieder spannten. Boten keinen großen Spielraum, sich wirklich bewegen zu können.
Der ganze aufkochende Zorn über ihre hilflose Situation legte Sarah in ihre Stimmbänder. Ließ diesen bis zur Zermürbung ihrer Stimme erheben, in der Hoffnung, dass ein Zimmermädchen sie nun endlich erhören würde.
Tobend und strampelnd zerrte Sarah vergebens an den Fesseln. Trieb ihr dabei unaufhörlich die Tränen in die Augen, welche über ihr wütendes Gesicht flossen. Den samtigen Kissenbezug sofort benetzten, welcher das salzige Nass aufsog. Letzten Endes brach Sarah unter der verzehrenden Erschöpfung der Aussichtslosigkeit zusammen.
Behutsam rieb sich Sarah eines ihrer brennenden Lider, nachdem sie vor lauter Müdigkeit eingeschlafen sein musste. Glaubte, dass alles nur ein schlechter Traum gewesen war. Streckte ihre Beine weit von sich, damit die Schwere in ihren Gliedern entweichen konnte. Reckte entspannend ihre Arme auf die Seite aus, dass auch hier die Müdigkeit von ihr abfallen konnte. Da ertönte das Rasseln der Fessel neben ihren Ohren und Sarah wurde es klar, dass es doch kein Traum war.
Schwer seufzend öffnete sie ihre geröteten Augen. Blickte sich teilnahmslos erneut im Zimmer um und bemerkte, wie ihre Flügel nicht mehr auf dem Boden lagen.
Nervös wanderte Sarahs forschender Blick langsam durch den Raum. Erhob dafür leicht ihren Oberkörper und merkte, wie die Kette an ihrem linken Arm fehlte. Hastig setzte sich die Blondine auf. Schreckte dann sofort zurück. Presste ihren Rücken fest an die Rückwand des Bettes und starrte mit weitaufgerissenen Augen in ein aufblitzendes, süffisantes Grinsen. „Na Süße, hast Du gut geschlafen?“.
Diese maskuline, tiefe, vibrierende Stimme erfasste Sarah eiskalt. Überzog ihren Körper mit einem frostigen Schauer, welche sie erstarren ließ. Hörte dabei das Rauschen ihres Blutes in den Ohren, während ihr Herz wie wild gegen ihre Brust sprang. Glaubte dabei keine Luft mehr zu bekommen, als sich ihre Kehle immer mehr zuschnürte.
Leer schluckend fiel es der Blondine wie Schuppen von den Augen. Dieser auffallende, einmalige, männlich-herber Duft, welcher zu ihr strömte, war wie ein Schlag ins Gesicht. Es konnte nur von einer Person sein, welche sie zuhinterst in ihrer Erinnerung verbannt hatte. Doch nun mit dem Wittern dieses betörenden Geruchs, wurde Sarah mit einer Wucht in ihre alte Geschichte geschleudert. Der Blondschopf konnte es selbst kaum fassen.
„Maksim, Du verfluchter Hurrenbock! Bind mich sofort los!“, schnaubte Sarah gellend los, nachdem sie wieder ihre Sprache gefunden hatte. Preschte von der Rückwand nach vorne. Wurde jedoch von ihrer Fessel zurückkatapultiert. „Mach sofort dieses scheiß Ding ab!“ Hielt dazu ihren Arm betont in die Luft.
Das tückische Lachen von Maksim Reinolds dröhnte der Blondine eisig entgegen. In seinen tiefbraunen Augen loderte der Triumph.
Locker lehnte sich der attraktive Mitte Dreißigjähriger Adonis in dem hohen Sessel zurück. Legte seine Arme anmaßend auf die Armlehnen, während sein breites Grinsen die strahlenden Zähne freilegte. Entgegnete dabei herausfordernd Sarahs verengten Blick mit seinem Schalk auf den Stockzähnen. Was bei Sarah nur weiter die Wut zum Brodeln brachte. Zornig riss sie mit ihrer freien Hand an dem Stahl. Ließ dabei den breitgebauten Schönling mit ihren grünblauen Scheinwerfern nicht aus den Augen. Zähneknirschend zischte Sarah, „Maksim, beweg Dich und hör auf so dämlich rumzugrölen!“
Wieder kam ein amüsiertes Lachen dem zischenden Blondschopf bitterkalt entgegen. Dabei erhob sich nun der dunkelhaarige Maksim aus seinem Sessel. Bewegte sich geschmeidig wie ein Panther auf das Bett zu.
Seine eleganten Schwünge mit seinem mächtigen Körper füllte den ganzen Raum mit einer gewaltigen und übermannenden Präsenz. Strahlte dazu eine Kaltschnäuzigkeit aus, welche Sarah für einen Herzschlag zum Innehalten zwang. Doch dann brüllte die Blondine herausgefordert los, „Hör auf den Macker zu spielen! Und bind mich verdammt nochmals los!“.
Der Halbrusse stellte sich breitbeinig vor das Himmelbett. Verschränkte schmunzelnd die Arme locker vor seiner muskulösen Brust. „Spielen? Ich?“, fragte Maksim mit betonter Ironie. Zuckte dabei mit seinen Augenbrauen. „Wer spielt hier?“, sein freches Feixen zog sich noch weiter in die Breite. Fasste sich auffällig an sein markantes Kinn, bevor er danach sofort seine Hand beweisend leicht hob. „Sorry Babe, aber wer wollte spielen?“. Die verhöhnenden Augen von Maksim verengten sich und ein scharfer Blick streifte Sarah.
„Ist das Dein Ernst?“, schockiert schüttelte Sarah ihre blonde Mähne. Dabei stand ihr der Mund weit offen.
Ihr fehlten jegliche Worte über das, was Maksim ihr gerade vorgebracht hatte. Konnte nicht glauben, was ihr der Kerl vor ihr über seine wohlgeformten Lippen an den Kopf knallte.
Auf einmal lachte Sarah willkürlich auf. Ihr noch zuvor heftiges Kopfschütteln verlangsamte sich abrupt, „Junge, das ist Monate her. Was willst Du von mir?“.
Abgebrüht blieb Maksim weiter vor Sarah stehen. Seine Gesichtszüge waren unbeeindruckt von ihrer Selbstsicherheit. Behielt sie dennoch die ganze Zeit im Blick. Einzig seine sinnlichen Lippen formten die ganze Dauer ein Schmunzeln, welches Sarah schon bei ihrer ersten Begegnung faszinierend empfand.
Fixiert auf dessen Mund, kniff Sarah ihre Augen zu einem schmalen Schlitz zusammen. Drehte ihren Kopf leicht auf die rechte Seite und musterte ihn argwöhnisch. Wartete jedoch geduldig, bis die Worte seine Zunge lockerten.
Es war für Sarah schwer abzuschätzen, wie lange sie sich angestarrt hatten. Es fühlte sich jedenfalls wie Stunden an. Diese erdrückende Stille zwischen ihnen bäumte sich von Minute zu Minute weiter auf. Er, der ihr keine Antwort gab und sie, welche nicht nachhaken wollte.
Damit Sarah die Geduld behalten konnte, fokussierte der Blondschopf bewusst die langsamen Atemzüge. Sog die Luft tief in ihren Bauch. Hielt den Atem kurz an, bevor diese wieder sanft ihre Lungen kontrolliert verließ.
Trotzdem wuchs die Anspannung in ihrem Körper mit jedem weiteren Atemzug, welche Sarah herausforderte. Dazu noch sein siegreicher Blick, welcher auf ihr lag, ging der Blondine immer mehr auf den Sack. Machte es für sie nicht leichter die Fassung zu wahren. Dann noch dieser betörende Duft, welcher andauernd zu ihr strömte, benebelten ihre Sinne. Da platze Sarah dann doch der Kragen, „Maksim, steh nicht einfach bedeppert da! Lös jetzt verflixt nochmals diese scheiß Dinger!“.
Wieder reagierte der Adonis vor ihrer Nase nicht auf die nachdrückliche Aufforderung von ihr, sie ihrer Fesseln zu entledigen. Stattdessen drehte sich der ansehnliche Kerl kommentarlos auf seinem Absatz entschieden vor Sarahs Augen um. Trat mit festem Schritt auf die Tür zu. Blieb abgewandt vor der Flügeltür plötzlich stehen. „Du bestimmst hier nicht die Regeln, Süße“, emotionslos kommentierte Maksim mit einer Ruhe in seiner tiefen Tonlage, welche Sarah spüren ließ, wie ausgeliefert sie ihm war.
Nachdem die Tür hinter Maksim ins Schloss gefallen war, sprang Sarah nach wenigen Sekunden wutentbrannt aus dem Bett. Legte ihre Hände fest um den Stahl. Ihr Bein gegen den Pfosten gestemmt, zerrte sie brüllend an ihrer Fessel. Schrie sich dazu den Zorn aus dem Leib, als gäbe es keinen Morgen mehr. Schüttelte das verarbeitete Eisen kräftig auf und ab, als würde es die Kette lösen. Der jungen Blondine entwich ein tiefes Knurren aus ihrer Kehle.
Die Wut auf ihr erstarrtes Hinterherglotzen von dem austretenden Maksim legte Sarah in ihren Befreiungsversuch. Unaufhörlich schoss es ihr durch den Kopf – Warum, verflucht nochmal, habe ich nicht geschrien, als die Tür offen war! Wie dumm kann man eigentlich sein? – Jedes einzelne Wort schürte das entfachte Feuer in Sarah. Brachte es regelrecht zum Brennen, sodass sich ihr Feuerball im Magen weiter ausdehnte.
Mit einem kräftigen Tritt in das Holz des Bettes gab Sarah nach minütigem Dauerkampf auf. Schnappte am Boden sitzend nach Luft, nachdem sie sich an das Gestell angelehnt hatte und versuchte ihren Puls zu drosseln. Der Rausch des Zorns hielt die Blondine trotzdem aufrecht. Begutachtete hasserfüllt die Manschette, welche wegen des Zerrens ihre Haut rot gefärbt hatte. Wie sich das Blut unter ihrer blassen weißen Haut unter dem Stahl hochdrückte. Sich durch den Kraftakt mit der Kette in ihr Handgelenk gedrückt hatte und sie schrecklich schmerzte.
Behutsam drehte Sarah ihre Hand. Dehnte ihr Handgelenk vorsichtig, damit sie überprüfen konnte, wie sehr sie sich verletzt hatte. „Du Drecksack, Dich werde ich für das Bluten lassen!“, schwor sich Sarah eindringlich nicht aufzugeben. Alles daran zu setzen es dem Kerl heimzuzahlen.
Die ganze Zeit über starrte Sarah nachdenklich an die Wand, nachdem sich ihr Gemüt etwas abgekühlt hatte. Unaufhörlich ratterte es in ihrem Kopf, wie es sein konnte, dass sie ausgerechnet diesem Typen in die Hände gefallen war. Und das, nach weit über einem Jahr, nachdem sie diesen Kerl das letzte Mal gesehen hatte.
Wie ein Blitzschlag überkam es Sarah mit einem Flashback. Brachte sie zurück in diese bestimmte Nacht der Begegnung. Erinnerte sie daran, wie sie eine Faszination überwältigte, als ihr erster Blick durch die Menge im Club auf Maksim fiel. Glaubte von seiner Aura magisch angezogen zu werden und konnte ihre Augen nicht von dem auffälligen Charmeur abwenden. So wenig wie die ihn umzingelten Ladys, welche nach seiner Aufmerksamkeit lechzten. Der Herr der Schöpfung hegte eine Ausstrahlung, welche die Frauenwelt geisterhaft in seinen Bann zog.
Mit dem Eintreten in den Club hatte sich Maksim den Mittelpunkt bereits gesichert. Nicht nur weil er verdammt gut aussah und diese Präsenz hegte, sondern weil er auch mit einem Trupp hochgewachsenen Kraftprotzen einmarschiert war. Die Menge teilte sich sofort automatisch vor ihm auf, so wie Moses es mit dem Roten Meer getan hatte.
Das Bild, wie Maksim elegant und geschmeidig mit festem Gang durch die Gasse der Leute schritt, hatte sich in das Gedächtnis von Sarah gebrannt. Genauso, wie er mit einer Selbstgefälligkeit an die Theke trat. Überheblich wartete, bis seine Leute die Gäste davor unmissverständlich verabschiedet hatten und er erst dann endgültig vortrat. Sich locker an der Holzplatte der Bar anlehnte und sich gemächlich dem Club zuwandte.
Sarah erinnerte sich wieder, wie sehr sie es als eine suspekte Darbietung abgetan hatte, obwohl sie als Barmaid in diesem trendigen Club schon einiges gesehen hat und erleben durfte. Sarkastisch lächelnd schüttelte sie ihre goldschimmernde Mähne, als sie an diese Szene zurückdachte. – Ohhh mein Gott, und ich habe diesen Augenschmaus noch Genossen! Und das nur, weil ich mir die Arbeit versüßen wollte! – warf sich die Blondine vor, in ihrer Naivität die schöne Aussicht zu Gemüte zu führen. Lieber seinen durchtrainierte Postur zu begutachten, als sich auf die Zitronen für die Drinks vor ihrer Nase gewidmet zu haben. Und all das, weil Maksim etwas an sich hatte, was eben auch Sarah sofort in seinen Zauber gezogen hatte.
„Wie der erste Eindruck nur so täuschen kann!“, maulte Sarah leise vor sich hin. Verzog dazu ihre Augenbrauen und rappelte sich danach genervt von dem Boden auf. Schüttelte kurz ihren eingeschlafenen Beinen aus, bevor sie sich in alle Himmelsrichtung dehnte.
Mit den sanften Bewegungen ihres steifen Körpers, merkte Sarah, wie allmählich ihre Enttäuschung über ihre Entscheidungen, von ihr abfielen. Wie es sie zurück in ihre innere Mitte führte. Ihr Kopf die unwichtigen Geschehnisse der Vergangenheit wieder ins Nimmerland zurückverbannte.
Doch etwas konnte Sarah nicht einfach so von sich schieben. Fragend blickte der Blondschopf danach zur Tür, „Und wie verdammt nochmal bin ich mit dem hier gelandet?“. Erneut versuchte sich Sarah an die vergangene Nacht zu erinnern. Nur tapste sie in dieser Angelegenheit wieder in der Dunkelheit herum.
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